Donnerstag, 20. Januar 2011

Zusammengenaehte Blaetter

Ich wachte heute (ohne Wecker) ungefaehr sieben Minuten vor dem Fruehstueck auf, zog mich schnell an und ging mit Riesenschritten in den Ashram, diesmal schon erfahrene Esserin, setzte mich vor meinem "Teller" auf den Boden (zum Fruehstueck gibt es zwei Becher, einen fuer Wasser, einen fuer Tee). Kippte diesmal nichts um. Voellig fasziniert betrachtete ich meinen Teller. Er bestand naemlich aus getrockneten und gepressten Blattern, die irgendwie zu einem Rundel zusammengenaeht waren. Bei naeherer Ueberlegung glaube ich aber jetzt, dass das Zusammennaehen vor dem Trocknen und Pressen geschehen muss. Und es war auch nicht wirklich genaeht, sondern mit winzigen Holzsplittern zusammengesteckt. Genial. Eine sinnvolle Beschaeftigung fuer dunkle Wintertage. Und man hat den perfekten recycelbaren Teller.

Es gab Idly (kleine gedaempfte Reiskuchen) mit Sambal (Sosse). Schnell gegessen, Haende gewaschen, Wasserflasche gefuellt.

Nach dem Fruehstueck machte ich mich auf den zwei Kilometer langen Weg zu der Hoehle, in der Sri Ramana Bhagavan sieben Jahre verbracht hat (eigentlich eine Hoehle mit einem davor gebauten Haus und Veranda, inklusive Schlafkammer mit Steinbett und Steinkissen). Heute ging ich barfuss. Ist jetzt ein Ort der Meditation. Die wilden Affen werden mit Reis gefuettert (der Heilige war ein grosser Tierfreund, es gibt eine Menge Buecher darueber), und auch Hunde scheinen hier eine Art inneren Frieden zu haben (waehrend sie sonst in Indien rastlose, hungrige, von Schaedlingen geplagte Kreaturen sind). Langsam gelang es mir, im Inneren der Hoehle (die vielleicht zwei Quadratmeter gross ist) einen Sitzplatz zu bekommen und sass dort lange. Lange. Als ich mich irgendwann wieder umschaute, sass ich da ganz allein.

Ich hatte am Vormittag eine Zeit mit John, meinem jungen Bekannten aus Ladakh, vereinbart, aber er hatte so viele Kunden, als ich da war (ich sass trotzdem im Laden, trank einen Tee, schaute zu, gab Geschmackstips), und er sagte, es waere besser, wenn ich spaeter mit ihm in seinen Behandlungsraum kaeme. Er zeigte mir einen tibetischen Healing Wand. Das Teil warf mich um. Es bestand aus spiralfoermig geschnitztem dunklem Holz, in der Mitte war ein Kupferstab, an den in Silber gefassten Enden war eine Kugel bzw. eine Spitze aus Bergkristall, ausserdem rundherum eingearbeitete Edelsteine. Ich nahm es in die Hand, und es steckte eine Wahnsinnsenergie drin.

Er hatte noch einen anderen Healing Wand, den er aber nicht auswickeln wollte, so lange noch andere Kunden im Laden waren.

Bin in drei Minuten verabredet. Muss mich also beeilen. Spaeter mehr.

Seid lieb gegruesst.

Mittwoch, 19. Januar 2011

Um den Berg herum

Heute gibt es viel Lesefutter von mir - es ist aber auch ein besonderer Tag.

Jetzt bin ich um den Berg herumgewandert (fuhr nur das letzte Stueck durch die Stadt mit einer Riksha, auf vielen Umwegen, ueber viele wurstfoermige Buckel, da die Hauptstrassen wegen der Prozession gesperrt waren), und immer noch wandert ein Strom von barfuessigen Pilgern vor den Tueren des Internetcafes vorbei, und es wird wohl die ganze Nacht so weitergehen. Hab das Abendessen im Ashram ausgelassen, bin jetzt etwas hungrig, will aber noch was schreiben. War insgesamt dreieinhalb Stunden auf den Beinen, aber nicht barfuessig, was natuerlich den Wert meiner Wanderung etwas herabmindert.

Es gibt fuer die Umrundung des Aranchala den "Inner Circle" und den "Outer Circle". Der "Inner Circle" ist ein Pfad und fuehrt durch die Natur, der "Outer Circle" ist auf der Strasse und ungefaehr vier Kilometer laenger. War erstaunt, als ich begriff, dass die Menschen alle auf der Strasse bleiben, so hatte ich mir das nicht vorgestellt, sondern viel romantischer, mit Mondschein und Bergsilhouette usw. Beschloss, mich auf eigene Faust in die Vegetation zu begeben, zumindest bis zum Einbruch der Dunkelheit, und etwas gemischte Gefuehle hatte ich schon.

Aber schnell hatte ich einen Begleiter, der wie ich auf dem Weg zum Inner Circle war, beziehungsweise ploetzlich ein Stueck von mir entfernt aus dem Gebuesch huepfte (ein sensiblerer Mensch als ich waere vielleicht erschrocken) und "Inner Circle?" rief. Es war ein Inder aus Bangalore im Nachbarstaat Karnataka. Erst dachte ich, schade, mein Alleinsein ist dahin, dann war ich dankbar, weil ich allein doch ein wenig Schiss gehabt haette, und ich glaube, ihm ging es genauso. Wir hielten uns also dicht hintereinander, er redete von "dangerous", ich redete uns Mut ein.

Nach ein paar hundert Metern stiessen wir auf eine geschlossene Menschengruppe, die hinten und vorn von Polizisten begleitet wurde, mit langen Stoecken, Scheinwerfern (es war aber noch hell), Pistolenguerteln, beeindruckend breiten Rueckgraten. Erst dachte ich, sie suchen irgend jemand, ein Kind hat sich verlaufen, aber mein Begleiter klaerte mich schnell darueber auf, dass irgendein VIP hier pilgerte und zwar in Begleitung seiner Familie und einer Polizeieskorte und in einem ziemlichen Bummeltempo. Klasse, dachte ich, Polizei, da kann ja nichts passieren, aber es war dann doch ein bisschen zu langsam. Nach einigem Zoegern und Fluestern und hin und her nahmen wir uns schliesslich die Freiheit, den VIP zu ueberholen (der uebrigens auch nicht barfuss ging), ein hoher Polizeichef, raunte mir mein Begleiter zu, und einer der Polizisten konnte es nicht lassen, mich im Voruebergehen zu fragen, "which country?".

Sobald die Dunkelheit sich nur ahnen liess, machten wir uns (auf Begehren meines Begleiters, dessen Blackberry ab und zu in der Tasche seiner Trainingshose klingelte, und zwar mit einem indischen Mantra als Klingelton, worauf er in der melodischen Sprache des Suedens antwortete) schleunigst auf den Weg zur Strasse und gingen im Strom der Pilger weiter. 

Mein Inder (er sagte mir seinen Namen erst ganz zum Schluss) war ein Brahmane in Rente (mit 52 Jahren?!), offensichtlich wohlhabend genug, um sich Auslandsreisen (Grossbritannien, USA) leisten zu koennen. Sein Englisch war so gut, dass ich beinahe alles verstand, was er sagte, und er verstand auch, was ich sagte, das kommt in Indien nicht so oft vor, Gesrpraeche sind in der Regel sehr muehsam und auf Einwortsaetze beschraenkt. Ausserdem wusste er eine Menge, und so hatten wir ein ziemlich interessantes Gespraech, ueber Indien, Europa, dies und das, so dass die Zeit schnell verging und ich ausserdem Antwort auf einige meiner Fragen bekommen habe.

Z.B.:
Gehoeren alle Kuehe, die man auf der Strasse sieht, jemandem? Was passiert mit den Kuehen, wenn sie alt werden?
Ja, alle Kuehe gehoeren jemandem, jedenfalls so lange sie Milch geben koennen. Wenn eine Kuh keine Milch mehr geben kann, landet sie beim Schlachter.
GIBT ES SCHLACHTER? (rhetorische Frage)
Sind die Sadhus, die hier orangegekleidet herumlaufen, wirklich heilig, werden sie respektiert?
Nein, die Sadhus, die hier auf der Strasse betteln, sind in seinen Augen einfach nur Obdachlose. Ein echter Sadhu geht nicht auf die Strasse, er bleibt in seiner Hoehle etc.
Ist Tamil (er war kein Tamile, konnte aber die Sprache) eine schwere Sprache? Wie sehr unterscheiden sich die verschiedenen Sprachen in Indien?
Tamil ist nicht so schwer, findet er, jedenfalls das gesprochene Tamil, aber das Alphabet hat 32 Buchstaben (verglichen mit 26 im Englischen). Die Grammatik ist schwerer als die englische Grammatik. Tamil und Malayalam (aus dem Nachbarstaat Kerala) unterscheiden sich nicht so sehr, aber seine Sprache und Tamil sind komplett verschieden.
Wie arbeiten die Hellseher, die man hier am Strassenrand sieht?
Sie lassen den Papagei, der in einem winzigen Kaefig sitzt, eine Karte waehlen und lesen dann aus einem Buch vor, was die Karte bedeutet.
Armer Papagei.
Ja armer Papagei.

Oh, die Zeit fliegt und ich glaube, um 21:00 werden die eisernen Tore zu meinem Ashram geschlossen, ich muss los, mir noch eine Banane kaufen und eine Flasche Wasser, und den Tag in meinem Zimmer beschliessen.

Shakti und mein Halschakra

Auf der Suche nach Internet landete ich auf einer staubigen Nebenstrasse direkt in der Halle eines Luxushotels, wo zwei Amerikaner an der Rezeption gerade fragten, ob es hier Cappuccino, Caffe Latte, Espresso, Cortado o.a. zu kaufen gibt. Die Antwort habe ich nicht abgewartet, das indische Schweigen war vielsagend genug...

Wieder mal ist die Angst vor der Wirklichkeit schlimmer gewesen als die Wirklichkeit selbst. Nachdem ich am Morgen herauszufinden versucht habe, wie ich am Samstag nach Tiruchirapalli komme und am Busbahnhof Hilfe von einem unglaublich duennen Sadhu in der typisch orangefarbenen Kleidung bekommen habe (der ausnahmsweise fuer seine Hilfe nicht bezahlt werden wollte) und mit einer traurig aussehenden Deutschen ein melancholisches Gespraech gefuehrt habe, packte ich meine Sachen und nahm eine Riksha zum Ashram.

Das Zimmer hier ist der reine Luxus! Ich habe einen eigenen Eingang, Mueckennetz an allen Fenstern und Tueren, Doppelbett, eigenes Bad, einen eigenen Balkon. Tisch, Stuhl, sogar einen kleinen Schrank. Das Zimmer liegt auf einem eigenen Grundstueck gegenueber vom Ashram, und vom Fenster aus sehe ich die Bibliothek. Ich fuehlte ploetzlich die Anspannung der letzten Tage von mir abfallen, etwas wie Lebenslust regte sich in mir.


Als Erstes machte ich mich auf den Weg, um mir eine Bluse mit langen Aermeln zu kaufen, weil im Ashram naemlich schulterfrei nicht erlaubt ist und ich keine sauberen Kleider mit Aermeln mehr hatte. Ich fand einen Laden, der mich sofort beim Eintreten ganz merkwuerdig (positiv!) beruehrte. Blieb zwei Stunden drinnen, hauptsaechlich zum Reden. Der Ladenbesitzer war aus Ladakh, ganz jung (21), hatte den Laden vor kurzem von seinem Grossvater uebernommen, der Tibeter ist und einen Teil des Schmuckes selber macht, der im Laden verkauft wird (ganz viel mit Chakras und tibetischen Symbolen). Es zeigte sich, dass der junge Mann sich intensiv mit verschiedenen Healing-Methoden beschaeftigt, sogar (zusammen mit seinem Grossvater) ein Buch darueber schreibt, und er bat mir fuer morgen ein Healing an (irgendwas mit Kristallen, einem tibetischen Stab usw.) und gab mir an Ort und Stelle eine Chakrabehandlung mit Klangschalen (allerdings nicht zu vergleichen mit der voellig umwerfenden Behandlung, die ich in Mamallapuram bekommen habe). Ich kaufte mir ein Medaillon zum Schutz meines Halschakras, und wir redeten ganz lange ueber Meditation, Chakras, Mandalas, er erklaerte mir die Anwendung von Healing Sticks usw. Schoen.

Ging dann zum Essen in den Ashram. Man setzt sich in einer Riesenhalle auf den Boden, vor eines der ausgelegten Bananenblaetter mit Metallbecher (den ich gleich umstiess, woraufhin ich waehrend des ganzen Essens mit einer sich ausbreitenden Wasserpfuetze kaempfen musste). Neben mir sass eine junge Amerikanerin, von der ich mir erklaeren liess, was ich zu tun hatte. Eigentlich nichts. Das Essen kam in Eimern und wurde auf das Bananenblatt geloeffelt, so dass es in alle Richtungen spritzte. Am Ende, als eine Art Suppe kam, hatte ich fast keinen Reis mehr und war dann damit beschaeftigt, die Fluessigkeit daran zu hindern, vom Bananenblatt herunterzurinnen. Fluessigkeit mit der Hand zu essen ist zugegebenermassen ziemlich schwierig. Die junge Frau laechelte nachsichtig. Gegenueber sass ein nett aussehender Japaner, der seinen Nachbarn fragte, wie lange er hierbleiben wuerde. Solange Bhagavan (das ist der 1950 verstorbene Guru) mich hier haben will, nehme ich an, antwortete der. Nun ja. Ich habe jedenfalls nur DREI Tage (in Grossbuchstaben) Aufenthaltsrecht hier, und ich glaube, das ist die Regel. Leute, die schon oefter hier waren, koennen sicher laenger bleiben. Die junge Amerikanerin sagte, dass ihr Vater seit fuenfundzwanzig Jahren jedes Jahr hierher kommt. Und jetzt kommt auch sie. Wie lang bleibst du, fragte ich. Eine Woche, ein paar Wochen, sagte sie, und: es ist schwer sich loszureissen.

Vor dem Speisesaal traf ich Shakti wieder, unseren schoenen Bergfuehrer von gestern. Ich hatte mir schon vorher vorgenommen, ihm die dreihundert Rupies zu geben, um die wir gestern beinahe endlos verhandelt haben. Es ist naemlich so, dass die Guides hier horrende Summen verlangen und offensichtlich von den Touristen auch bekommen, dabei ist jedenfalls der Rundweg so gut markiert, dass selbst ein Blinder Schwierigkeiten haette, sich nicht zu verlaufen. Er freute sich jedenfalls, und ich fuehlte mich erleichtert, da diese Sache mir seit gestern ein wenig Kummer bereitet hat.

Fuer heute Abend habe ich eine erneute Umrundung (diesmal komplett) des Bergs geplant. Das ist hier Tradition in jeder Vollmondnacht. Weshalb auch beinahe alle Hotels in der Stadt ausgebucht sind.

Lasse spaeter von mir hoeren. Es ist heiss, die Tapete an der Wand glitztert metallic rot. Vor unserem Hotelfenster war gestern eine Affenhorde, die ich durchs Gitter mit Keksen fuetterte. Vor allem einer kam immer wieder zurueck, ganz broeslig ums Maul.

Dienstag, 18. Januar 2011

Bin wieder da, aber bald wieder weg

Sitze also wieder in einem Browsing Center, leuchtend tuerkisblaue Wande, direkt unter einem Ventilator, der mir schoen ins Gesicht blaest, um beinah halbneun Uhr abends, und weiss nicht so recht, wo ich anfangen soll.

Vielleicht damit, dass meine Fuesse soeben von Muecken aufgefressen werden.

In den vergangenen zehn Tagen habe ich eine Erkaeltung ueberstanden, war in einem indischen Heim zur Pongalfeier eingeladen (Neujahr und Erntedank), mit Wasserbueffeln, Kuehen, Ziegen, einer auf offenem Feuer gekochten Reisgruetze und einem aus Kuhdung gebauten und mit vielen Blumen geschmueckten Altar. Habe das Wasser gruener Kokosnuesse getrunken und ein kleines Feuerwerk in einem Bergdorf auf dem Dach einer Schule veranstaltet. Habe am Ufer eines heiligen Flusses zu griechischer Musik getanzt und mich von einem Elefanten segnen lassen. Habe viele, viele kleine indische Haende geschuettelt und mir ein Buch mit dem Titel "Be as you are" gekauft. Bin halbwegs um einen heiligen Berg herumgewandert und habe in einer alptraumhaften Stunde in einer vor Menschen und Fahrzeugen kochenden indischen Kleinstadt Mittagessen fuer sechzehn hungrige Menschen organisiert, das wir dann im Stehen neben den Mauern eines Miniaturtempels von Papptellern verzehrten. Ich habe mich hundert Mal ueber Inder aufgeregt und war tausend Mal entzueckt von ihnen.

Die Gruppe ist heute nach Chennai abgereist, und ich habe noch knappe zwei Wochen fuer mich allein. Werde drei Naechte in Tiruvannamalai im Sri Ramana Ashram verbringen. Hab ein wenig Schiss davor, es ist naemlich eine Riesenanlage. Werde bald wieder von mir hoeren lassen, solange ich noch Zugang zum Internet habe. Danach fahre ich naemlich wieder zu meinen Moenchen, und dann ist cyberfreie Zeit angesagt...

Ich denk an Euch, und mir geht es gut (und den Muecken auch, die jetzt ordentlich vollgefressen sind).

Samstag, 8. Januar 2011

Offene Fragen, Indien betreffend

Sitze grade in einem bruetend warmen Internetcafe, in einer kleinen Kabine, ueber mir drehen sich zwei Ventilatoren quaelend langsam und schenken keine Erleichterung von der klebrigen Waerme. Ich hab jetzt mal ein paar Fragen:

1. Warum sagte der Rezeptionist im Hotel Chandra Park von Chennai, als ich mit der gesamten Gruppe dort mitten in der Nacht ankam, dass meine Gruppe noch am Flughafen sei?
2. Warum traegt niemand ein von Ratten zerfressenes und verschissenes Ecksofa im Hotelflur einfach weg oder wirft es durch das Fenster auf den grossen Muellhaufen, der sich bereits hinter dem Hotel befindet?
3. Warum war der Hotelmanager in Chidambaram so erstaunt, als ich ihm erklaerte, dass sieben Doppelzimmer nicht fuer sechzehn Personen reichen?
4. Warum stehen die beruehmten Chola-Bronzen von Thanjavur in unbeleuchteten Vitrinen?
5. Wie kommt es, dass Inder einen offensichtlich unendlichen Langmut haben, was Dreck und Unordnung, Verschleiss angeht? Oder ist es nur Lethargie, Gleichgueltigkeit, eine grosse Melancholie gegenueber dem Leben?
6. Wieso ist das indische Englisch haeufig so vollkommen unverstaendlich, warum ist es oft so schwer auf eine Frage eine direkte Antwort zu bekommen?
7. Warum sagt der Schaffner im Zug von Chidambaram nach Thanjavur, dass der Zug um 15:30 in Thanjavur ankommt, wenn er eigentlich um 15:15 ankommt?
8. Warum setzen die indischen Maenner eine Wollmuetze auf (oder einen Ohrenschutz, oder wickeln sich ihr Halstuch um den Kopf), sobald die Temperatur am Abend auf ca. 23 Grad sinkt?

Es ist leicht, ueber Indien zu verzweifeln, wenn man mit einer sechzehnkoepfigen Gruppe unterwegs ist und die Verantwortung dafuer hat, dass alles funktioniert.

Aber: In unserem Hotel Valli in Thanjavur sitzt die Reinigungsfrau mit einer Zahnbuerste auf dem Boden und scheuert die Ritzen zwischen den Bodenfliesen. Die Waende werden mit Miniaturpinseln in frischem Hellgruen gestrichen. Im beinahe leeren und immer halbdunklen Restaurant kuemmern sich immer mindestens drei Angestellte um einen.

Abends sitze ich mit einer Flasche Pepsi Cola und einer indischen Zigarette auf der Veranda vor unserem Zimmer, Fuesse auf der Bruestung, verschwitzt vom Tag, irgendwie leer, irgendwie gluecklich.

Unser Tag beginnt auch hier mit Morgenmeditation auf der Veranda, auf roten Plastikstuehlen, zu lautstarker indischer Popmusik von den Metallwerkstaetten vor dem Hotel.

Im Tempel bin ich schnell von einer Gruppe Pilger mit nacktem Oberkoerper und schwarzen Huefttuechern umringt, die sich mit mir fotografieren lassen wollen, die mich bitten, von ihnen ein Foto zu machen und ihnen dann per Mail zu schicken. "Und bitte leg mich als Freund auf deine Facebookseite", sagt der eine, aber ich muss ihm sagen, dass ich leider nicht bei Facebook bin.

Am Abend liegt der Smog als ein dichter Dunst ueber der Stadt, es ist kaum moeglich zu atmen.

Wir trafen heute unser Patenkind Kausalyia. Das letzte Mal haben wir sie vor zwei Jahren gesehen, und seither scheint sie kaum gewachsen zu sein. Sie ist mit einer Sozialarbeiterin vier Stunden mit dem Bus gefahren, um uns zu treffen (obwohl ihr im Bus immer schlecht wird und sie sich auch heute wieder erbrochen hatte), und fuhr nach zwei Stunden wieder denselben Weg zurueck. Ihr Lieblingsfach in der Schule ist immer noch Tamil, sie will immer noch Aerztin werden, und nach zwei Stunden (wir assen zusammen, machten dann einen kleinen Ausflug zum Tempel) sagte sie, dass sie "very jolly" sei und "much enjoy" die zwei Stunden mit uns, obwohl sie zuerst "fear" vor mir hatte und sich nicht mit mir zu sprechen traute. Das alles uebersetzte ihre Begleiterin. Vor dem Tempel waehlte sie ein paar glitzernde Armreife und eine Vogelpfeife als Erinnerungsgeschenke aus, ausserdem hatte sie von uns einen ganzen Beutel voller "nuetzlicher" Geschenke (Zirkel, Lineale, Schreib- und Malbuecher, Farbstifte) bekommen. Aber ueber die Armreife und die Vogelpfeife hat sie sich am meisten gefreut.

Ich lernte heute, dass Shiva 1 008 Namen hat, dass der blauhaeutige Krishna ueber 16 000 Frauen und ueber 100 000 Soehne hatte und der beliebteste Hindugott ist, dass Buddha eine Manifestation von Vishnu ist (aber eine, die ins Verderben fuehrt, ein Versuch der Hindus, den immer populaereren Buddha unschaedlich zu machen und in ihr System zu integrieren).

Im Shivatempel von Thanjavur bekam ich einen weissen Punkt auf die Stirn und wurde mit "long life" bedacht.

Im Vishnutempel von Thanjavur trank ich heiliges Wasser (es schmeckt nach Gewuerznelken) und liess meinen Kopf mit einer Metallhaube bedecken, was hoffentlich auch eine positive Auswirkung auf mein Leben hat.

In Thanjavur steht der drittgroesste Nandi der Welt, eine freundlich aussehende riesige Kuh aus Stein, die das Reittier Shivas darstellt und um das die Pilger herumlaufen.

Morgen fahren wir mit zwei Minibussen zum Shantivanam Ashram noerdlich von Tiruchirapalli. Dort wird es ruhig sein, dort werden wir eine Woche bleiben, dort gibt es kein Internet, dort klingelt nur um 5 Uhr morgens die grosse Glocke, die zur Morgenmesse ruft. Dort werden wir Gemuese schnippeln und tanzen. Darauf freuen wir uns alle.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Heute war irgendwie alles zu viel

Nachdem ich heut morgen in einer einstuendigen Behandlung (mit Klangschalen, Kristallen, Wasser) meine Chakras gereinigt gekriegt habe, war mir am Rest des Tages irgendwie alles zu viel. Indien war heute laut, schmutzig, anstrengend, aufdringlich, und ich hatte wenig Widerstandskraft, hab nur die Oberflaeche gesehen.

Hab mich ausserdem in den ersten Tagen etwas zu sehr dem Shopping hingegeben, das entzieht Prana (Lebensenergie, Lebenshauch), wie schliesslich jeder weiss...

Sass lange auf der Dachterrasse und schaute dem Schuster zu, der vor seinem Laden auf dem Boden sass, Leder zuschnitt, Sohlen mit Leim beschmierte. Kaufte spaeter ein Paar Schuhe von ihm, rot und schwarz.

Zum Morgentanz kam eine Affenhorde auf die Terrasse, und die entzueckten Rufe unserer Frauen ermuntert, wurden sie gleich frech, versuchten Wasserflaschen zu oeffnen, in Rucksaecken zu wuehlen. Schliesslich zogen sie ab und warfen in den restlichen Stockwerken des Hotels alle Abfalleimer um, klaubten Bananenschalen heraus, um daran herumzuknabbern.

Fuehlt sich schoen an, hier im AC-gekuehlten Internetcafe zu sitzen, neben einer Touristin ganz in Orange, die eifrig mit den Tasten klappert.

Vor zwanzig Jahren, sagte mein trauriger Chakra-Healer, der seine Kunst von Moenchen im Himalaya gelernt hat, war Mamallapuram ein ganz anderer Ort, es kamen nur Hippies hierher. Heute geht es nur ums Geschaeft.

Was uebrigens das Beste an Indien ist: Ich kriege richtige Korkenzieherlocken, die nach der Ayurvedamassage gestern ausserdem oelig waren und beinahe schwarz aussahen.

Und die tomatenrote Hose, die ich gestern beim Schneider in Auftrag gegeben habe, wurde super.

Dienstag, 4. Januar 2011

Von Punkt Null

Zwei Tage Indien fuhlen sich an wie eine ganze Woche. Oder wie etwas anderes, Zeitloses, nicht Greifbares. In Indien werden die Grenzen fliessender, muss man die Kontrolle sofort lockern, kann man nicht mehr so zwanghaft daran festhalten.

Sitze im Internetcafe und weiss nicht, wo ich anfangen soll.

In der ersten Nacht glaubte meine Zimmergenossin, dass ich tot war und schuettelte mich voller Panik.

In der zweiten Nacht wachte ich auf und wusste weder, wer ich war, noch, wo ich mich befand.

Indien ist in diesen zwei Tagen schon so grosszugig gewesen zu mir. Es ist etwas mit dem Herzen. Es klingt wie ein Klischee, aber es ist wahr, dass Indien (Suedindien?) ein grosses und weiches Herz hat.

Selbst die Herzlichkeit der Ladenbesitzer, die vor ihren Laeden sitzen und einen ansprechen, weil sie sich erhoffen, dass man etwas von ihnen kauft, ist nicht gespielt.

Inder schauen hinter die Fassade und sehen den Menschen.

Im Krankenhaus erzaehlt die kleine Krankenschwester Lallita, auf dem Krankenhausbett sitzend, von ihrem Leben, ihren Eltern, die arme Gelegenheitsarbeiter sind und mit denen sie in einem kleinen Lehmhaus wohnt. "Es ist ein sehr schoenes Haus", sagt sie mit strahlenden Augen und erzaehlt stolz davon, dass sie nach ihrer Arbeit im Krankenhaus in eine Schule geht, um sich weiterzubilden. "I'm a computer expert", verraet sie uns. "Ich weiss nicht, ob ich heiraten soll", sagt sie auch (sie ist zwanzig), "aber Freunde sind sehr wichtig", und findet es schoen, dass ich neben K. sitze und mit ihr darauf warte, dass ihre Laborergebnisse fertig werden.

Wir unterhalten uns im Krankenhauszimmer auch mit zwei Inderinnen, die in Frankreich leben und dort in der Tomatenernte arbeiten. Jetzt sind sie auf Besuch in Indien, und die eine hat sich den Magen verdorben, weil sie das indische Essen (die indischen Hygieneverhaltnisse) nicht mehr vertraegt.

Hoere auf fuer heute, weil die Internet-Stunde rum ist.